FilmMaterialien 6 - Paul Dessau.

Neue Wege der Filmmusik

Von H. F. (= Hans Feld)

in: Film-Kurier, Nr. 201, 23.8.1928


Mit der musikalischen Revolutionierung des Beiprogramms hat Paul Dessau in der »Alhambra« einen Weg beschritten, von dessen Weiterverfolgung noch viel zu erwarten ist.

Gerade mit Experimenten im Beiprogramm kann der Kapellmeister beginnen, sein Publikum, das in einer Stadt wie Berlin Neuerungen besonders geneigt ist, zur modernen Musik zu erziehen.

Damit gibt er gleichzeitig dem Beiprogramm die Bedeutung, die es verdient: Die Wirkung von Zeichenfilmen, Lustspielen, Kulturfilmen, wird durch die Illustration stark unterstrichen.

Dazu kommt, daß im Hauptfilm allzuleicht Rücksicht auf den konventionellen Charakter des Werks genommen werden muß. Ein Revueklamauk kann ebensowenig absolut untermalt werden, wie ein Familiendrama oder süßliche Liebeslyrik.

(Eine Tatsache, die den Dirigenten keineswegs von der Verpflichtung entbindet, von sich aus da einzugreifen, zu aktualisieren, zu modernisieren, wo es irgend möglich ist.)

Der Kompromiß im Hauptfilm wird erträglich durch den Fortschritt im Beiprogramm. Der Zuschauer wird unbewußt mit guter Musik, mit Gesamtwerken bekanntgemacht, die Einheit zwischen Musik und Film anstreben. So lernt er allmählich unterscheiden; so gewinnt man vom Beiprogramm aus Einfluß auf den Hauptteil.

Es wird nur eine Frage der Zeit sein, noch einen Schritt weiterzugehen: Ein Musiker wie Dessau wird fraglos imstande sein, auch die an dieser Stelle bereits wiederholt gegebene Anregung der Aufführung von modernen Opernsketchs im Kino zu verwirklichen. Damit erobert sich dann das Lichtspielhaus seine Stellung neben der Volksoper (deren Schaffung immer noch, bisher vergeblich, erwartet wird).

Es ließe sich sogar denken, dem Publikum Unterschiede der Musikkompilation zu demonstrieren, indem eine Wochenschau oder eine kurze Groteske eventuell auch nur ein Teil davon zweimal gezeigt würde: Das eine Mal mit der vorbildlichen Untermalung; das andere Mal, nachdem der Hauptfilm gelaufen ist, so, wie es nicht sein soll, in alten Bahnen, nach Klischee.

Wichtig aber bleibt dabei immer das Experiment im kleinen Rahmen. Nie darf vergessen werden, daß es gilt, Kinopublikum für das Neue zu gewinnen, ein Publikum, das sich naturgemäß an dieses Neue erst gewöhnen muß. Aber gerade in dieser Aufgabe liegt die Möglichkeit des Wirkenkönnens.

Die moderne Musik gehört ins moderne Lichtspielhaus. Beide ergänzen einander: Der Film von heute und die Musik von heute.

Die Uraufführungs-Kapellmeister Berlins werden sich der Tatsache nicht verschließen können, daß ein Vorstoß in Film-Musik-Neuland sich lohnt; das Publikum hat bewiesen, daß es mitgeht.

Der Anfang ist gemacht. Es wird Sache der prominenten Dirigenten sein, an Stelle des Monopols eine freie Konkurrenz zu setzen, gegen die alle diejenigen am wenigsten etwas einzuwenden haben werden, denen es um die Sache der Film-Musik geht.


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