FilmMaterialien 6 - Paul Dessau.

Filmmusik und Kammermusik

Der Vormarsch in Neuland

Von p.s. (= Poldi Schmidt)

in: Lichtbild-Bühne, Nr. 254, 22.10.1928


Man darf der Direktion der »Alhambra«, dem Alhambra-Kammerorchester und seinem Leiter Paul Dessau zu dem Erfolg ihrer gestrigen ersten Sonderveranstaltung gratulieren, deren Bedeutung weit über zwei Sonntag-Vormittags-Stunden hinausreicht. Man darf gleichzeitig der Hausherrin der »Alhambra«, der Direktion der Südfilm, die vollste Anerkennung dafür aussprechen, daß sie Möglichkeiten dafür schuf, ihr Theater zur Geburtsstätte einer bedeutungsvollen Bewegung und zur Pflegestätte einer neuen Form des Filmgenusses zu machen. Im Parkett sah man gestern vormittag weltbekannte Repräsentanten Musik-Berlins, wie Otto Klemperer und Professor Schnabel. Diese Tatsache allein beweist den Wert einer derartigen Veranstaltung. Nur so wird die ernste Musik zur Anerkennung der Filmmusik als einer vollwertigen künstlerischen Spezies genötigt und dem Lichtspielhaus auch im Rahmen des musikalischen Lebens ein neuer und bedeutsamer Platz erobert. Nicht minder wichtig ist, daß die Leiter der Berliner Kino-Orchester in großer Zahl der Veranstaltung beiwohnten, so daß ihre Wirkungen auch praktisch in die Lichtspielhäuser hineinströmen.

Zu bedauern aber ist, daß das Interesse der filmkünstlerischen Kreise hinter dem der Musikkreise weit zurückblieb. Man hätte annehmen sollen, daß Regisseure, Autoren und auch Produzenten ein waches Auge für jeden Vorgang haben, der sich mit einer Hebung der Filmdarbietung im Lichtspielhaus befaßt. Es werden soviel akademische Bekenntnisse für die notwendige Hebung der Filmdarbietung in Wort und Schrift abgelegt. Hier konnte das lebendige Interesse und der Wille zum Kontakt mit dem Fortschritt bewiesen werden es ist fast kompromittierend, daß dies verabsäumt wurde.

Über die nach jeder Programm-Nummer von stärkstem Beifall begleitete Matinee berichtet unser Musikreferent im einzelnen:

Die Matinee in der »Alhambra« hatte den Stil und den Rahmen eines besonderen Ereignisses, eines bedeutsamen, filmisch-musikalischen Gewinns. Aus der reinen Musik gab die Veranstaltung wertvolle Beginne, aussichtsvolle Entwicklungen. In strenger Folge, auf zwei Erstauffühungen alter Meister aufgebaut, zeigte sie den klaren Stil des Dresdner Violinisten und Schüler Vivaldis, Georg Pisendel, in einem Konzert für Solovioline, zwei Oboen, Cembalo, Streicher. Professor Josef Wolfsthal repräsentierte in der Sologeige den hier verborgenen klassischen Stil der italienisch-französischen Schule. Gegenpolig stand Leopold Mozarts Kammersinfonie für Solohorn und Solovioline (Prof. Wolfsthal und Kammermusiker Gustav Otto). Besonders die Außensätze künden des großen Sohnes unvergängliches Erbe. Im klaren Stil diesen beiden Meistern nacheifernd, im Inhalt von natürlich-sprühender Melodik, gibt Wolfgang Jakobi in seinem op. 31 »Concertino für Cembalo und Kammerorchester« vielversprechende Beweise seiner Liebe zu künstlerischer Wahrheit, seiner originellen Erfindung. Das heitere Lapidarthema, dem Cembalo in der Hauptsache anvertraut, pulsiert mit fortreißender Beschwingtheit.

Als Introduktions- und als Finale-Nummer zwei ALICE-Trickfilme mit der Musik von Paul Dessau. Illustrationskompositionen, die sich über alle Theorie durch die frische, fröhliche Tat erheben, die mit Wagemut, Liebe und reicher Erfindung das Wesen des filmischen Objekts zeichnen, es vertiefen, bereichern. Entzückende Beiträge für künftige Bahnen der Filmillustration. In der Übersicht klar, eindeutig, in den thematischen, besonders auch in den instrumentalen Pointen verschwenderisch, in der Architektonik trotz der filmischen Gegensätzlichkeiten streng gegliedert, führen sie aus der Naivität des Vorwurfs nie hinaus. Paul Desssau darf es sich gestatten, bekannte Themen, wie das vom »Kleinen Männlein« oder - mit Bezug auf die Flöhe - das Thema »Und dann die kleinen...« in neuer Einkleidung zu präsentieren, seine einzige Konzession an die herkömmliche »Illustration«. Er liebt kleine Scherze in der Behandlung der Holzinstrumente und jeder dieser Scherze hat eine neuartige Sprache. Von den ersten aufsteigenden wirbelnden Rufen im Bilde, von der Feuerwehr bis zu den Angstträumen der Wehrmänner, ist alles naive, eindringliche Scherzmusik. Wie die Musik zum VERZAUBERTEN WALD nicht nur thematisch, auch instrumental Neuland ist für poetische Klangmalerei. Die von einem verständnisvollen Publikum sehr stark besuchte Matinee sprach besonders eindringlich von dem Verständnis der Theaterleitung für Hochkultur in der Filmmusik.


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